Ausgetanzt

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Es ist Zeit wieder festes Schuhwerk anzuziehen
Um zu wandern
Durch diese merkwürdige Nachrichtenwelt
Mit den wütenden Gesellschaftsanalysen
Der Vielzahl bestürzter Satirikergesichter
Und all den Verkäufern
Die große Summen in kleine Scheine wollen
Oder doch die Laufschuhe?
Als wenn ich welche hätte.

Peyotl

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Der, der nicht lieben kann
Der sich
Sicherheitshalber
Von seiner Lust ernährt
Wütend, weil er davon nicht satt wird.

Der, der nicht lieben kann
Der davon schreibt
In Erinnerung
Als er kurz davor war
Vielleicht
Und wie es sich anfühlen könnte.

Der, der nicht lieben kann
Der sich erklärt
Immer wieder
Wer ihn das angetan
Warum er will
Und trotzdem nicht vergessen kann.

Der, der nicht lieben kann
Der die Frau sucht
Die ihn davon heilt
Dann ein Haus bauen will
Ghettoworte
Mit zu viel Sand im Beton.

Der, der nicht lieben kann
Der diese Frau
Zu den anderen Männern schickt
Als Geschenk
Damit sie ihn dafür
Nicht verlassen muss.

Der, der nicht lieben kann
Ich kenne deinen Indianernamen
Trage einen Kopfschmuck
Als Medizinfrau
Tanze um dich herum
Um die Asche
Und lasse die weisen Steine
Das Wort Freundschaft legen.

Ich finde

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Dein Lieblingsgelee
Aus der Hagebuttenarmee
Dein Blümchenkaffee
Mit Schokoschnee
Dein Plädoyer
Für das Brusthaartoupet
Dein Portemonnaie
Mit Nullbudget
Deine Idee
Vom Munkelsee
Dein Fricassee
Auf meinem Dekolleté
Und auch dein Herrje
Als Matinee
Das alles
Find ich ziemlich
Okay!

Habenichtse

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Wieder einer erfroren
Einer ohne Hund
Und weniger Mitleid
Der Hund kann ja nichts dafür
Sie geben nichts
Sinnlos
Kauft der sich doch nur Schnaps von
Und man kann auch nicht jedem Penner
Was geben
Einen halben Mantel
Am Ende
Dann erfrieren wir beide.

Mehr als einen
Haben sie schon angezündet
Krank sowas
Die tun ja nix weiter
Außer uns zu beschämen
Und weil sie nicht funktionieren
Kaputt sind
Abgerutscht
Und kein Gesicht mehr haben
Nur Hände
Die sie aufhalten.

Gibt ja Stellen
Die sich um sowas kümmern
Müssen die nur mal aufhören zu saufen
Ich kenne viele
Die haben auch nur Hartz IV
Die gehen auch zur Tafel
Und Miete zahlt das Amt
Die sehen gar nicht danach aus
Wenn man das nicht wüsste
Klar, ist sonst auch peinlich.

Jedenfalls
Is schlimm sowas
Aber man kann ja nicht jedem
Wo soll man da anfangen?
Wo soll man da aufhören?

Guter Plan

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Und wenn du sagst
Du beschützt mich
Dann schützt es mich
Von hier bis nach Katmandu
Im Schwächefall
hör‘ ich dir zu
Und lutsche Kräuterstücke
Während du für mich hustest
Guter Plan!

 

Wenn

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Wenn du könntest
Sagst du
Würdest du wollen.

Wenn du die Wahl hättest
Sagst du
Würdest du sofort.

Wenn die Umstände anders wären
Sagst du
Wäre es nicht so kompliziert.

Ich drehe dir alle deine Sakkotaschen nach außen
Die zugenähten reiße ich auf
Und knall‘ dir deine Lügen auf den Tisch.

Wenn ich könnte
Sag ich
würde ich es tun.

Wenn ich die Wahl hätte
Sag ich
würde ich wählen.

Wenn die Umstände anders wären
Sag ich
wäre es mir zu einfach.

Und so was nennt sich Botschaft
Wir brauchen mehr Diplomaten
Die sich trauen
Sich vorzudrängeln
Und unerhörte Forderungen stellen
Sag ich.

Du lächelst
Wie Panzerglas
Und fährst davon.

Nichts
Und schon gar nicht
Dich
Erreicht.

Tante Johanne

Ich nehme das große Bild herunter. Das über dem Sofa in der Guten Stube.
Ein Ölbild mit goldenem Rahmen. Rüdesheim, Weinberge, der Rhein.
In diesem Bild hat Tante Johanne ihre letzten Jahre verbracht.
In Rüdesheim war alles gut. In Rüdesheim kannte sie sich noch aus.
Dieses Bild war ein Geschenk zum Ruhestand, zum Abschied. Tante Johanne war nie verheiratet, hatte keine Kinder, aber zwei Schwestern und gemeinsam besaßen sie das kleine Haus ihrer Eltern in Schleswig-Holstein, in das sie später wieder zurückgezogen war. Mit einer guten Rente. Zu Oma Grete, der älteste der drei Schwestern.
Oma Grete lebte ihr ganzes Leben in diesem Haus.
Auch sie war nie verheiratet, hatte aber eine kurze Liebe mit einem Dänen. Ein großer Skandal, damals. Als sie schwanger wurde, verschwand er und Oma Grete und Tante Johanne zogen den kleinen Jungen allein groß. Hier, in diesem Haus. Als er älter wurde, ging Tante Johanne nach Rüdesheim, um Geld zu verdienen und schickte den größten Teil an Oma Grete, zum Leben und damit das Haus gehalten werden konnte. Der Junge wurde später mein Schwiegervater und heute räumen wir ihr Haus aus.
Ein Haus das keiner mehr haben will. Nur das Grundstück fand einen Käufer.
„Besser als wenn es leer steht“, sagt Tante Hilde immer wieder. Es fällt ihr schwer. Sie ist die letzte Überlebende der Schwestern. Anders als Grete und Johanne, hatte sie einen Mann gefunden. Einen guten Mann. Sie bekamen drei Kinder und bauten sich selbst ein Haus, ganz in der Nähe.
Alle sind da, um das Haus auszuräumen und sich zu nehmen, was noch zu gebrauchen ist oder als Erinnerung dienen soll.
Es riecht nach Apfelgrütze, grüner Seife und Urin. Das Licht fällt nur milchig herein, durch die weißen Gardinen, die man Store nennt. Das andere sind die Übergardinen. Das hat mir Oma Grete oft genug erklärt, wenn ich alle Fenster im Haus putzte und die Gardinen nach der Wäsche noch nass wieder aufhängte.
Den Keller zu räumen wird das schwierigste sein. Dort lagern all die Flaschen, die Tante Johanne aus Rüdesheim mitgebracht hatte. Es sind Hunderte und alle nicht mehr genießbar, der Wein war längst gekippt.
Nach jedem Besuch, kurz vor dem Verabschieden, sagte Tante Johanne, dass sie noch etwas „Gutes“ für uns hätte und zwinkerte dabei mit den Augen. Dann stieg sie die knatschende Holzkellertreppe herunter und kam mit einer verstaubten Weinflasche zurück. „Ganz was Gutes“, sagte sie bei der Übergabe mit einem Kennerblick aufs Etikett und Oma Grete stand dann schon mit einem feuchten Tuch bereit, um die Flasche abzuwischen.
„Nicht das ihr euch noch dreckig macht“, sagte Oma Grete immer dabei.
„Ihr wisst ja.“
Ja, wir wussten. Wir wussten, dass Tante Johanne uns ein Stück aus ihrer Welt schenkte und dass ihre Teilnahme an unseren Besuchen, nur die Übergabe einer Weinflasche sein konnte.
Und ich war damals immer froh, dass es noch so viele Flaschen im Keller gab.
Nein, es war die Übergabe der Weinflasche und das Erzählen aus der Ölbildwelt. Das war ihre Teilnahme.
Ihre Ölbildwelt wurde wichtig, wenn wir an der Kaffeetafel saßen und das Gespräch verstummte, weil Oma Grete aus der Küche frischen Kaffee oder noch mehr Schlagsahne holte. Tante Johanne wurde dann nervös. Sie wusste nichts zu sagen. Wir hatten sie mehrmals mit unseren Alltagsfragen, völlig verunsichert, daher wollte sie uns lieber erzählen. Uns zuvorkommen. Und dann erzählte sie uns über das Ölbild von Rüdesheim. Wenn sie erst im Redefluss war und wir geduldig sein konnten, gelang es ihr manchmal aus dem Rahmen zu steigen. Das waren die schönsten Momente.

Das Ölbild war schon versprochen und besonders schön war es auch nicht.
Was sollte ich mitnehmen von Tante Johanne? Eine Flasche Wein?
Beim Ausräumen der Küche fiel mir das alte Brotmesser in die Hände.
Das Brotmesser war auch wichtig. Das Brot zu schneiden war die letzte Aufgabe, die Tante Johanne übernehmen konnte. Als Oma Grete gestürzt war und sich die rechte Hand gebrochen hatte, rief sie nach Johanne, wenn Brot zu schneiden war. Johanne war immer sofort zur Stelle und schnitt es. Ernsthaft, still und stumm.
Dann behielten die Schwestern diese Aufgabenteilung bei.
Grete machte alles im Haus und im Garten und für Tante Johanne, so lang sie es konnte und Johanne schnitt das Brot.
„Grete hat keine Kraft mehr in der rechten Hand, deshalb mach‘ ich das“, sagte sie einmal zu mir und ihr kleines altes Gesicht wurde weich. Wie Brot ohne Kruste.

Ich stecke also das Brotmesser ein.

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Auf allen Wegen

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Mittwoch und Tabakkrümel
Nach dem ersten Kaffee
Eisige Wege mit dir gehen
Arm in Arm
Die Häuser am Westerdeich
Zusammengerückt
Und du hauchst Herzen.

Mir zuliebe
Sind deine Schritte kleiner
Und meine
Für dich
Größer als sonst
Das ist gemeint
Mit der Frage:
Willst du mit mir gehen?

Gefrorene Zeit

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Ich liege auf Eis
Gefrorene Zeit
Bar jeder Erinnerung
Ohne Warten auf Alles
Mit Kristallen im Kopf
Liege ich auf Eis.

Im Dasein
Nur da sein
Bin ich ein Experiment
Das neugierig selbst
Sich zu deuten versucht.

Und plötzlich
Versteht
Und wieder vergeht
Die Zeit
Tropft Minuten
Ich zerfließe in Stunden
Erwache nach Tagen
Mit blaunassen Haaren
Die monatelang ohne Wirrungen waren.

In den Jahren danach
Kratze ich das Eis
Aus dem Tiefkühlfach
Ich lege es auf meine Stirn
Um mich zu erinnern
Für immer da
Wie es in meiner Eiszeit war.

Aus zweiter Hand

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Nina von oben
Fast jeden Abend
Schnorrt sie sich Zigaretten von mir
Weil sie sich keine Schachtel kaufen will
Sie raucht eigentlich nicht mehr
Sie hat Stress
Und ich frage nicht
Extra nicht.

Schön wie Schneewittchen
Ist sie
Ebenholzhaar
Ihr Mund immer blutrot bemalt
Aber heute ist ihre Zunge
Auch sieben Berge schwer
Und ich frage sie
Heute muss ich.

Liebeskummer
Sie hat so viel investiert
In den Prinzen aus dem Morgenland
Und nicht das erste Mal
Da draußen läuft nur noch Second Hand rum
Sagt sie
Das sind wir doch auch
Sage ich.

Ich gebe ihr die gedrehten Zigaretten
Sie fragt tatsächlich noch
Nach einem Apfel
Ich reiche ihr einen Boskoop
Ohne Gift
Und führe sie am Spiegel vorbei
Ins dunkle Treppenhaus.